Erstmals spielt eine englische Mannschaft in Graz und schlägt den Grazer Athletiksport-Klub mit 9:2 (6:1).

„Eine englische Mannschaft in Graz!“, so oder ähnlich überschlug sich die Grazer Presse im Jahr 1905. Der Grazer Athletiksport-Club hatte am 26.4.1905 den Pilgrims Football Club aus London in der Körösistraße zu Gast. Zum allerersten Mal gastierte somit eine englische Mannschaft in Graz, daher waren Vorfreude und Nervosität der heimischen Journalisten auch verständlich.

Aber eigentlich war eine andere Mannschaft für dieses Freundschaftsspiel vorgesehen, nämlich die Tottenham Hotspurs. Der Österreichische Fußballverband sagte den beiden damaligen Grazer Vereinen ein „Wettspiel“ einer englischen Profi-Mannschaft zu. Allerdings legte der Oe.F.V, auch fest, dass die Tottenham Hotspurs gegen eine Grazer Stadtauswahl zu spielen haben. Selbstverständlich blieb die Platzwahl den Grazern überlassen. Der Akademische Sportverein und der Grazer Athletiksport-Club einigten sich sehr rasch auf einen Ausschuss, der die Details zu regeln hatte. Erstmals trat dieser Ausschuss am 16.4.1905 zusammen, stellte aber fest, dass es zu keinem Spiel kommen werde.

Einerseits verlangten die Hotspurs 3.000 Kronen für ihr Antreten, also eine astronomische Summe, die sich für die beiden Vereine niemals rechnen würde.

In Relation dazu einige Zahlen:
Die Tabaktrafik in der Annenstraße 27 erwirtschaftete im Kalenderjahr 1906 einen Reingewinn von 2.230 Kronen, die Tabaktrafik am Grazer Lendplatz im selben Jahr 1.727 Kronen. Oder anders gerechnet: Die geforderte Summe entsprach etwa dem Jahresgehalt eines Hauptmannes I. Klasse der österreichisch-ungarischen Armee dieser Zeit, der sich über 3.008 Kronen freuen durfte. Andererseits war seitens des Grazer Athletiksport-Clubs schon ein Spiel mit dem Londoner Pilgrims F.C. ausgemacht. Daher würde das Tottenham-Spiel organisatorisch und finanziell niemals zu stemmen sein. Daher wurde im April 1905 die Begegnung gegen die Tottenham Hotspurs abgesagt, man wollte sich voll auf die Pilgrims konzentrieren.

Allerdings stellten die Pilgrims nicht den unbedingten Wunschkandidaten des Grazer Athletiksport-Clubs dar, denn es wurde zunächst mit den Cassuals, Everton, Civil Service und anderen Vereinen verhandelt. Als „langwierig und umständlich“ wurden seitens des GAK die Verhandlungen beschrieben. Nachdem die Pilgrims für die Osterfeiertage bereits Spiele gegen den Wiener Athletiksport-Club sowie den Wiener Cricketern waren, einigte man sich schließlich auch darauf, ein Spiel in Graz durchzuführen. Die dafür notwendige Summe wurde der Grazer Presse nicht mitgeteilt.

Als überaus vorteilhaft in dieser Situation bewies sich auch der Umstand, dass Professor Dr. A. Hargreaves in die Unterhandlungen (wie damals Verhandlungen genannt wurden) mit den Pilgrims eingebunden wurde. Hargreaves studiert einige Semester in Graz und hatte nach Aussage der heimischen Presse „Zugang zu den besten Gesellschaftskreisen“.

Am Vortag des Spiels trafen die Engländer gegen 23 Uhr in Graz ein und wurden vom „Grazer Automobilklub“ vom Bahnhof abgeholt. Längst waren die Namen der Engländer ein Begriff für die fußballbegeisterten Grazer: Cooper, Milnes, Walmsley, Unstule, Potter, Baunsdale, Hounsfield, Fletscher, Wheaterogt, Humleston, Raine, Carrington, um nur einige hier zu nennen.

Von der Grazer Aufstellung sind nicht alle Namen überliefert, zumindest Kolo - Berti, Irgl II - Irgl I, Brodner, Glas - Kicks, Nowack, Ussar sind in Zeitungsberichten namentlich erwähnt. Rasch begaben sich die Gäste ins Grand Hotel Wiesler, denn der nächste Vormittag war ausgefüllt mit Besuchen und Einladungen. Zunächst ging es u.a. zur Hilmwarte, anschließend auf den Schloßberg zur Besichtigung und Mittagessen.

In der Körösistraße wurde mittlerweile eine zusätzliche Sitztribüne am Platz errichtet. Auch die Intervalle der Tramway wurden erhöht. Jeder Zuschauer bekam ein ausführliches Programm, in dem das Reglement des Spiels erklärt wurde. Allgemein wurden zumindest 20 Tore von den Gästen erwartet, denn die Wiener Athletiker wurden mit 10:1 versenkt, die Cricketer verloren mit 7:1.

Eine Grazer Tageszeitung schrieb: „Ein sportliches Ereignis ersten Ranges war das gestrige Wettspiel zwischen den London Pilgrims und dem Grazer Athletiksportklub. Alles hat unser wackerer Athletiksportklub aufgeboten, um den Grazern ein erhebendes Bild des Fußballsportes zu bieten, und – zur Ehre der Stadt Graz sei´s gesagt – das Publikum kam den Bestrebungen des Klubs auch entgegen, in hellen Scharen zog es vor 5 Uhr auf den Sportplatz. Etwa 1200 Personen umlagerten den Fußballplatz und gaben durch begeisterte Zurufe ihre rege Teilnahme am Spiel zu erkennen…..“. Eine andere Tageszeitung schätzte die Besucherzahl auf „über 1.500“. Unter den Zusehern waren ferner zahlreiche Adelige, Professoren, die hohe Beamtenschaft und namhafte Vertreter aus Handel und Gewerbe.

Zahlreiche „Gratisblitzer“ sorgten auch außerhalb des Platzes für eine tolle und lautstarke Stimmung. Immerhin kosteten die Karten zwischen 40 und 60 Heller, eine Menge Geld für viele, sehr viele Grazer der damaligen Zeit. Wiederum ein kleiner Vergleich: 1 Liter Märzenbier kostete im „Schankpreis über die Gasse“ 40 Heller (im Lokal 44 H.), 1 Liter Lagerbier 36 Heller (im Lokal 40 H.).

Das Spiel selbst soll sehr unterhaltsam gewesen sein, ist der Zeitung zu entnehmen. Mit 9:2 (6:1) gingen die Engländer schließlich vom Platz. Vor allem in den ersten 25 Minuten waren die Grazer Spieler offensichtlich mehr Zuschauer als Spieler, denn in der 25. Minute stand es bereits 4:0 für die Londoner. In der 33. Minute gab der englische Referee Carrington (in einer Quelle wird als Schiedsrichter ein Mr. Thomas genannt) einen Strafstoß für den GAK, doch Irgl I vergibt diese Chance. Dann durfte Graz aber doch jubeln, denn Usar bezwang den englischen Goalie (36.). In der 7-minütigen Nachspielzeit (wegen Verletzung des Grazers Berti) gelingen den Gästen noch zwei Tore. Unmittelbar nach Spielbeginn kassiert der Grazer Athletiksport-Club ein Tor, ehe Brodner nach einer Flanke das vielumjubelte 2. Tor für Graz gelingt. Die Engländer verjuxen in weiterer Folge zwei Elfmeter, machen aber dennoch drei Tore. Endstand somit 9:2. Besonders das Kopfballspiel der Engländer sowie die Schnelligkeit der Stürmer beindruckten Zuseher und Journalisten. Mit den Spielern des Grazer Athletiksport-Clubs zeigte man sich sehr zufrieden.

Wiederum am Schloßberg wurde am Abend das Spiel ausführlich besprochen und begossen. Ob es den Engländern in Graz so gut gefiel oder steirische Hopfengetränke dazu führten, dass man einen Tag länger blieb als geplant, ist nicht überliefert. Zumindest versprach man sich ein baldiges Wiedersehen und eine Revanche.

Beides erfolgte schon ein Jahr darauf, nämlich im April 1906.