Der spätere Formel-1-Weltmeister war mehrere Jahre Mitglied beim Grazer Stadtklub. Seine Mutter war erfolgreiche Tennisspielerin beim Klub. Außerdem gibt es eine weitere Motorsportlegende mit einer „Kurzzeit-Beziehung“ zu den Rotjacken ...
Er gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten des Motorsports in den ausgehenden 1960er-Jahren und dass seine familiären Beziehungen nach Graz reichen, ist hinlänglich bekannt. Darüber hinaus war Jochen Rindt aber mehr als vier Jahre Mitglied der GAK-Tennissektion. Die Mutter der späteren ersten österreichischen Motorsport-Ikone war aktive Tennisspielerin beim GAK und Rindts Großvater, ein bekannter Grazer Rechtsanwalt, Funktionär beim Verein. Rindts Leben endet in Monza nicht nur tragisch, auch seine Kindheit ist von einem tragischen Ereignis überschattet, das ihn letztlich am Ende des 2. Weltkriegs nach Graz führt.
1929 ist Ilse-Olga Martinowitz (1913 in der damals noch eigenständigen Marktgemeinde Eggenberg bei Graz geboren) erstmals als Juniorenspielerin der GAK-Tennissektion dokumentiert. Sie wird später Teil der Kampfmannschaft und erringt als größten persönlichen Erfolg 1937 den 3. Platz bei den Meisterschaften des Österreichischen Alpenländer, die regelmäßig im Herbst auf den Plätzen des GAK ausgetragen werden. Parallel dazu studiert sie Jus und promoviert schließlich. Ende 1937 wird sie auch in den Sektionsausschuss der rot-weißen Tennisabteilung gewählt.
1938 heiratet Ilse Martinowitz zum ersten Mal – nämlich Otto Eisleben aus Hamburg – und Jochen Rindts drei Jahre älterer Halbbruder Uwe wird in der Folge geboren. Vermutlich haben sich die beiden bei einem Flug kennengelernt, ihr späterer Ehegatte hatte ein Flugzeug der Marke Klemm. 1940 ist dann auch eine „Frau Dr. Eisleben“ wieder als aktive GAK-Spielerin dokumentiert, was den neuen Familienstand bestätigt bzw. die Rückkehr nach Graz vermuten lässt. Die Ehe wird 1941 geschieden und danach führt sie ihr Weg nach Mainz, wo Ilse noch im selben Jahr den zehn Jahre älteren Industriellen Karl Georg Ludwig Rindt heiratet. Dieser war gerade zum alleinigen Inhaber einer Gewürzmühle geworden. Am 18. April 1942 wird Karl-Jochen (!) dann in der damals hessischen Stadt (heute rheinland-pfälzischen Hauptstadt) geboren.
Doch die Bedrohung durch die alliierten Luftangriffe war allgegenwärtig und so schien den Eltern die Gefahr für ihr Baby zu groß. Sie übergaben Karl-Jochen an die Großeltern in Graz. Am 28. Juli 1943 passiert dann erstmals das unausweichlich Tragische: die Eltern sterben bei einem Bombenangriff auf Hamburg, als sie gerade ein Lagerhaus ihres Unternehmens in der Hansestadt inspizieren. So wird das Baby Erbe eines nicht unwesentlichen Vermögens.
Das Anmeldeformular für Jochen Rindt beim GAK-Tennis aus dem Jahr 1957 sowie das Austrittsersuchen vier Jahre später, verfasst vom späteren Formel-1-Weltmeister selbst © Archiv GAK-Tennis
Auch sein Halbbruder kommt nach Graz, geht aber bald mit seinem Vater nach Riga und zu Kriegsende wieder zurück nach Hamburg. Während der Schulzeit haben sich die Halbbrüder in den Sommerferien (zum ersten Mal 1951) und auch noch zwei Mal in Graz zu Weihnachten getroffen, so die Erinnerung von Uwe Eisleben. Die Eltern von Jochens Mutter, Hugo Martinowitz und seine Gattin Gisa, ermöglichten eine unbeschwerte und durchaus luxuriöse Kindheit. Martinowitz selbst, der sich davor vor allem beim Grazer Männergesangsverein und dem steirischen Sängerbund engagiert hat, wird 1931 Obmann der GAK-Tennissektion (vermutlich aufgrund des sportlichen Interesses seiner Tochter) und 1937 als 2. Obmann des Gesamtvereins auch in die unmittelbare Klubleitung gewählt.
Direkt nach Kriegsende erhält der Großvater seine Zulassung als Rechtsanwalt wieder (Kanzleiadresse Hans-Sachs-Gasse 7) und Rindt lebt im beschaulichen St. Leonhard, im Haus Ruckerlberggürtel 16 (dort erinnert auch eine 2000 enthüllte Gedenktafel an ihn). So schließt „Joki“ unter anderem Freundschaft mit dem späteren Konditor Wolfgang Philipp und auch Helmut Marko. Rindt und Marko besuchen das Pestalozzi-Gymnasium, aber die schulischen Leistungen und sein Verhalten lassen sehr zu wünschen übrig, weshalb ihn der Großvater auf die Maturaschule (heute: Erzherzog Johann BORG) nach Bad Aussee schickt (Marko folgt dem Freund freiwillig!), an der auch André Heller oder später Niki Lauda auf den Ernst des Lebens vorbereitet werden sollten.
Insgesamt kann man Rindts Jugend wohl als „wild“ bezeichnen, auch das Interesse für den Motorsport erwächst (gemeinsam mit Helmut Marko). Vermutlich deshalb folgt im März 1957 auch die Anmeldung des Teenagers durch den Großvater beim GAK-Tennis, verbunden mit der Hoffnung, sich bei sportlicher Betätigung „die Hörner abzustoßen“. Rindts sportliche Karriere beim GAK kann man aber getrost als „unspektakulär“ bezeichnen. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass er dort nie einen Tennisschläger in der Hand gehabt haben soll. Nach zwei Stunden „Tennis“ wurde er meist unverrichteter Dinge wieder abgeholt … Auch die Halbbrüder hätten im Rahmen ihrer gemeinsamen Zeit nie miteinander Tennis gespielt, erinnert Uwe Eisleben.
Im Mai 1961 stirbt Hugo Martinowitz, der im Übrigen darauf bestand, dass Rindt seine deutsche Staatsbürgerschaft behielt (um sein Erbe in Deutschland zu sichern), mit 80 Jahren. Knapp zwei Monate nach seinem 19. Geburtstag ersucht „Joki“ selbst im Juni dieses Jahres in einem Schreiben um den Austritt zum „nächstmöglichen Termin“ aus dem Verein. Rindts großer Grazer Förderer, der Autohändler Oskar „Ossy“ Vogl, langjähriger Sponsor des GAK, erhält 1965 übrigens das Goldene Ehrenzeichen des Klubs. Auch hier gibt es also einen weiteren Berührungspunkt.
Der Rest der Geschichte ist bekannt: Schon 1961 erfolgen erste Gehversuche im professionellen Motorsport mit einer österreichischen Lizenz. Bereits 1964 fährt er sein erstes Formel-1-Rennen. 1967 heiratet er die Finnin Nina Lincoln. Seinen ersten von insgesamt 6 Grand-Prix-Siegen erringt er 1969. Am 5. September 1970 verunglückt Rindt beim Training in Monza tödlich. Durch seine Verbundenheit zur Stadt Graz erhält er am Zentralfriedhof ein Ehrengrab und die Beisetzung am 11. September verfolgen tausende Menschen. Am Ende der Saison 1970 wird Jochen Rindt als bisher einziger Fahrer posthum zum Formel-1-Weltmeister.
Anlässlich seines 50. Todestages wurde in Graz-Reininghaus ein Platz nach ihm benannt, eine Episode seines Lebens gehörte – wenn auch wohl widerwillig – dem GAK …
Am 21. November 1968 nahm Jochen Rindt an einem Prominentenfußballspiel (u. a. mit Horst Mandl, Gert Kölli und Erich Welk) in Graz teil, von dieser Veranstaltung haben wir Fotos in unserem Archiv – einige davon sind im Anhang zu sehen. Im Jahr darauf war eine andere, spätere Formel-1-Legende zu Gast beim GAK in der Körösistraße, nämlich Jackie Stewart (Weltmeister 1969, 1971, 1973), der am 23. August 1969 gegen Wattens den Ehrenankick in der Körösistraße vornimmt, ebenfalls von Fritz Fischer festgehalten ...
Wolfgang Gruber
Fotos: © Archiv GAK-Tennis, Fischer/Sammlung GAK 1902
Titelfoto: Jochen Rindt bei einem Prominentenfußballspiel am 21. November 1968 in Graz © Fischer-Sammlung GAK 1902
Anrissfoto: Jochen Rindt als Kind © Archiv GAK-Tennis
Herzlichen Dank an Uwe Eisleben für das Teilen seiner Erinnerungen sowie an Heinz Steinlecher, Präsident des GAK-Tennis, für seine Hilfe und das Öffnen des Archivs des GAK-Tennis!