Effizienz ist keine rote Tugend.
Aktuelles / Spielberichte / Alfred Haidacher / Sonntag 10.03.2024

Effizienz ist keine rote Tugend.

GAK gewinnt gegen Sturm II in Überzahl durchaus verdient mit 1:0.

   Man könnte sich kurzfassen: Der GAK besiegt in Wiener Neustadt die Mannschaft von Sturm II souverän und hochverdient mit 1:0. Die Aussage trifft zweifellos zu und beschreibt das Wesentliche ausreichend – man könnte sagen „effizient“. Und mit letzterem Wort sind wir beim Thema, das dieses Spiel mitgeprägt hat: bei der Effizienz, beziehungsweise beim Mangel derselben. Ein Schussverhältnis von 17:1 (8:1 auf das Tor; mit geblockten Schüssen übrigens gar 20:1) weist die Statistik am Schluss aus. Keine Ahnung, wie hoch der Ballbesitz zugunsten der roten Mannen ausgefallen ist, aber auch der musste deutlich höher als der des Gegners sein. Tja, wie ein gern zitierter Spruch lautet: „Ein gutes Pferd springt nur so hoch es muss.“ Und der GAK hat sich am Sonntagvormittag als ganz ausgezeichnetes Pferd erwiesen, das exakt so hoch sprang, wie es musste, um die nächsten drei Punkte mit nach Hause zu nehmen und den Vorsprung von elf Punkten auf den ersten Verfolger DSV Leoben zu halten. Aber, wer ein gutes Pferd begeistert liebt, wünscht sich halt schon, dass dieses Pferd zeigt, was es wirklich kann und nicht bloß das, was locker ausreicht. Und noch ein aber: Sieg ist Sieg und drei Punkte sind das Wichtigste.

Zwanzig Minuten, viele Chancen, 0:0

   Sich das jeweilige Weiß, bis auf ein paar Abzeichen und Streifchen, ersparend, betreten die Mannschaften den Rasen des schmucken Wiener Neustädter Stadions ganz in Schwarz und Rot. Der GAK nimmt auf der Stelle mit großem Durchsetzungswillen seine Arbeit auf und schon in der zweiten Minute vergibt Maderner einen etwas unglücklich aufspringenden Ball knapp. Kaum fünf Minuten später haben die auf einer schiefen Ebene gegen das gegnerische Tor anlaufenden Roten die nächste Großchance, doch Cheukoua setzt den Ball knapp neben die linke Stange. Zwei Minuten darauf: Man glaubt, Cheukoua habe die nächste Großchance vergeben, aber der Abseitspfiff erleichtert uns in diesem Fall, und der Fan nimmt die Hände, die er über dem Kopf zusammengeschlagen hatte, wieder runter. Es bleibt kaum Zeit, sich zu beruhigen. In der 15. Minute versucht es Maderner aus der Distanz, bereitet aber Sturm II-Goalie Bignetti keine Probleme. Dann ist es kaum zwei Minuten später wieder Cheukoua, der die nächste und vielleicht bisher größte Chance vergibt. Nach 20 Minuten wird Maderner mit langem Pass wunderbar angespielt und wäre allein auf das Tor zugelaufen, wenn Sturm II-Innenverteidiger Nelson, der schon zuvor mit trittreichen Einsätzen unter anderem gegen Cheukoua aufgefallen war, ihn nicht als letzter Mann regelwidrig gestoppt hätte. Die rote Karte war die logische Folge und das Spiel veränderte sich ein wenig.

„Über den Dingen, nicht in der Sache“

   Diese Definition von Überlegenheit durch einen deutschen Aphoristiker beschreibt recht gut, wie die Roten ab jetzt zu Werke gingen. Die ersten zwanzig Minuten hatte man enormen Druck ausgeübt, Chance um Chance herausgespielt und eine klare Feldüberlegenheit erreicht. Man stand gewissermaßen längst über den Dingen, was ein wenig zum Verlust des „in der Sache“-Bleibens führte. Man blieb weiter überlegen, nahm es gemächlicher und verlor dennoch nicht die Spielkontrolle. Nachdem es nach etwa fünfundzwanzig Minuten bei einem Vorstoß von Rosenberger zum Zusammenst0ß mit Goalie Bignetti gekommen war, blieb der Tormann der kleinen Schwarzen einige Zeit liegen und musste verarztet werden. Auch die Verletzungspause war der Wiederaufnahme des Spieltempos nicht unbedingt dienlich. Die Chancen kamen weiter, aber nicht mehr so zwingend wie in den ersten Minuten der Begegnung. Rosenbergers scharfer Pass in der 31. Minute genau vors Tor des Gegners findet keinen Abnehmer, Passungenauigkeiten häufen sich. In der 38. Minute hebt Cheukoua die nächste Chance hoch übers Tor und seine Gestik deutet eine gewisse Verzweiflung an. Dann führt nach knapp vierzig Minuten eine weitere Ungenauigkeit zu einem Gegenstoß von Sturm II, der zum ersten Torschuss der kleinen Schwarzen in diesem Spiel führt – und der wird für die gesamte Spieldauer auch der einzige bleiben. In der 42. Minute versucht es Eloshvili etwas außerhalb des Strafraums, elegant, gar nicht schlecht, aber auch er verfehlt das Tor. Wegen der Verletzungspause und der roten Karte kommt es zu drei Minuten Nachspielzeit, die die Mannschaften mit 0:0 beenden. Ein mehr als schmeichelhaftes Ergebnis für die nach Wiener Neustadt ausgewanderte „Heimmannschaft“.

„Ungenauigkeit ist ein Umweg“

   Mit dieser Anmerkung hatte der deutsche Dramatiker Carl Sternheim wohl sehr recht. So recht sogar, dass sich der Spruch in der Pause als geeignete Spielbeschreibung aufdrängte. Aber, wie man weiß, auch ein Umweg führt letztlich zum Ziel. Denn keine drei Minuten alt war die zweite Halbzeit, als Eloshvili einen Eckball von rechts vor das Tor brachte, den Jovicic per Kopf verwertete. Das hochverdiente 1:0 war gefallen. Das Pferd war in die Höhe gesprungen, die Führung da, die Fans lagen sich in den Armen und es wurde noch ein paar Minuten lang nachgesetzt. Kurz nach dem 1:0 erhält Cheukoua einen diesmal wirklich schwer zu verarbeitenden Ball. Und niemand ist böse, dass er den hoch über das Tor jagt. In derselben Minute probiert es Maier durchaus gefühlvoll von rechts außerhalb des Strafraums: drüber. Einige schöne Spielzüge folgen, viele über den agilen Maier. Doch nach etwa fünfundsechzig Minuten geht es der GAK wieder gemütlicher an, es folgt über die verbleibende Zeit eine souverän ausgeführte, aber halt leider nicht zum Torerfolg führende „Spielkontrolle“. Auch wenn man dem Gegner hin und wieder den Ball für etwas längere Spielzüge überlässt, zu einem nächsten Torschuss führen alle Bemühungen der Schwarzen nicht. Trainer Messner schöpft aus dem Vollen und bringt Jastremski (der kurz danach einen vielversprechenden Ball sechs Meter vor dem Tor nicht verarbeiten kann) und Milla für Maderner und Cheukoua. Besonders erfreulich ist die Rückkehr von Lichtenberger ins Team. Unsere Nummer 10, die für Eloshvili ins Spiel gebracht worden war, kommt auch bald zu einer ersten Chance. Der GAK bleibt überlegen, aber höher springt das Pferd heute nicht mehr, bis vielleicht auf die Doppelchance von Lichtenberger und Jastremski in der letzten Minute der offiziellen Spielzeit – aber Chancenwucher auch hier. Ebenfalls schön zu sehen: die Rückkehr von Perchtold, der nach zuletzt krankheitsbedingtem Ausfall in 91. Minute für Satin eingewechselt wird. Vier Minuten später sind drei Punkte hochverdient ins Trockene gebracht. Das Pferd hat das Notwendige angepeilt – und erreicht.

„Genauigkeit ist noch lange nicht die Wahrheit“

   Eh nicht, lieber Henri Matisse, wie wir heute sehen konnten. Wenn auch nicht alles Gold war, was es zu sehen gegeben hat, die drei Punkte glänzen jedenfalls hell genug. Das „jogo bonito“, das „schöne Spiel“ – wie man in Brasilien (und Portugal) sagt -, machen Freude, heben das Herz des Fans, und zweifellos spricht man über manche Spielzüge, die man so wunderbar noch nie gesehen hat, noch viele Jahrzehnte. Was aber, wenn man das schöne Spiel 4:5 verloren hat? Effizienz und Genauigkeit, sicher sehr gute, tolle Dinge, vor allem im Fußball, aber eben noch lange nicht die Wahrheit, wie oben genannter Maler so schön festgehalten hat. Denn die Wahrheit dieser Saison muss im angepeilten Aufstieg liegen – und diesem Ziel ist man mit dem am Sonntagvormittag gegangenen Schritt wieder ein Stück nähergekommen – kollektiv überzeugend, souverän und immer wieder doch recht ansehnlich. Zehn Runden noch, in denen die Mannschaft das Pferd, das immer hoch genug springt, bleiben möge.

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