Am heutigen Holocaust-Gedenktag wollen wir als GAK einerseits des leider vor allem in den letzten Jahren wieder zunehmenden Antisemitismus in Österreich (siehe etwa antisemitismus-meldestelle.at) entgegentreten und andererseits auch an den Umgang mit dem Antisemitismus in unserem Verein sowie seine Opfer erinnern.
Der ÖFB und die Bundesliga haben gemeinsam mit dem World Jewish Congress und der Israelitischen Kultusgemeinde im Dezember 2022 zu einem ersten Workshop zur präventiven Bekämpfung von Antisemitismus geladen, an dem auch Vertreter des GAK teilgenommen haben. Wie schon an dieser Stelle angekündigt, wollen wir als jener Traditionsverein, der in seiner Geschichte bis 1938 am deutlichsten offen antisemitisch ausgerichtet war, unsere besondere Verantwortung in Hinblick auf die Bekämpfung des leider nach wie vor aktuellen Hasses auf Jüdinnen und Juden wahrnehmen.
Bei dem Workshop wurde einerseits ein kurzer Überblick auf die jahrhundertelange Tradition des Antisemitismus in Europa gegeben, andererseits wurden Projekte vorgestellt, anhand derer Fußballfans als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Kampf gegen diese menschenverachtende Ideologie auftreten, Aktionen (ua. von Borussia Dortmund) präsentiert, die für die Problematik sensibilisieren und das Tabuthema vor den Vorhang holen sollen und es blieb auch Zeit, sich mit Vertretern und Vertreterinnen der Vereine sowie jungen Jüdinnen und Juden und Mitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde auszutauschen.
Der Allroundsportverein Hakoah Graz wurde am 12. März 1919 gegründet. Diese Gründung erfolgte – wie die vieler anderer jüdischer Vereine in Graz – auch, weil seit den 1890er-Jahren in vielen Vereinen so genannte „Arierparagraphen“ Jüdinnen und Juden von der Mitgliedschaft ausschlossen. Exemplarisch für Sportvereine, die diesem „Vorbild“ später folgten, seien etwa der (Deutsche und) Österreichische Alpenverein (Buchtipp: Dt. AV, Öst. AV, Südtiroler AV (Hg.), Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 – 1945, Wien 2011.), dessen Sektion Graz 1920 ihre jüdischen Mitglieder ausschloss, der ÖSV, der den Arierparagraphen 1923 einführte (Andreas Praher, Österreichs Skisport im Nationalsozialismus, Berlin 2022), oder eben unser GAK genannt, der schon in den Gründungsstatuten von 1902 die Mitgliedschaft nur für „Deutsche arischer Abkunft“ ermöglichte.
Obwohl in Graz nur knapp 2.000 Bewohner und Bewohnerinnen der Israelitischen Kultusgemeinde angehörten, wuchs der zionistisch ausgerichtete Verein Hakoah (= „Kraft“) rasch und war bald nach dem GAK der mitgliederstärkste Sportverein der Steiermark, dessen Sportlerinnen und Sportler sich im Lauf des Bestehens in 14 (!) Sektionen betätigten, deren bedeutendste Fußball, Leichtathletik, Schach, Schwimmen, Wintersport, Handball und Tischtennis waren. Besonders im Schach wurde die Hakoah 1931, 1932 und 1933 Landesmeister der Steiermark, allerdings wurde im selben Jahr auch im Schachverband ein Arierparagraph eingeführt und die Hakoah somit von der weiteren Teilnahme ausgeschlossen. In einigen Sportarten fand – auch in Ermangelung anderer ebenbürtiger Gegner – ein reger Wettkampfbetrieb mit dem GAK statt. Besonders im Schwimmen, aber auch zeitweise im Tischtennis waren die beiden Vereine in der Steiermark ohne große Konkurrenz.
Die Rivalität war jedoch nicht nur sportlicher Natur, denn der GAK und seine Anhängerschaft zeigten offen ihre antisemitische Gesinnung. Vor allem Fußballspiele zwischen den Vereinen endeten öfter mit Schlägereien im Publikum, waren bestimmt von gegenseitigen Beschimpfungen und offen demonstriertem Hass auf Juden seitens unseres Vereins.
In den ersten beiden Jahren ihres Bestehens verfehlte Hakoah knapp den Aufstieg in die oberste Liga. Trainiert wurde mit bis zu 8 Mannschaften auf dem Lazarettfeld (zwischen Hohenstaufengasse und der Trasse der Ostbahn), wo vor dem ersten Weltkrieg der Deutsche Sportverein (nach dem ersten Weltkrieg umbenannt in „Rapid Graz“) seine Heimstätte hatte, gespielt auf wechselnden Plätzen. Erst als diese Trainingsanlage nicht mehr bespielbar war, gelang es, dauerhaft am Amateureplatz in der Engelgasse in Untermiete eine richtige Heimstätte zu erwerben. Nach der bald darauf erfolgten Auflösung der Amateure Graz wurde das Gelände, auf dem sich heute Union-Halle und -Bad befinden, in Hauptpacht übernommen. Vor dem entscheidenden Meisterschaftsspiel der 2. Klasse gegen Rapid Graz verstreuten Unbekannte auf dem Hakoah-Platz Glasscherben und sägten die Torstangen ab. Dennoch gelang es dem Verein, den Platz rechtzeitig spielfertig herzurichten und den Aufstieg in die oberste Liga mit einem 4:1 zu fixieren.
Somit trafen in der Saison 1922/23 der GAK und Hakoah erstmals aufeinander. Das Grazer Volksblatt schrieb zynisch: „Auf der einen Seite steht der rein arische, unverwässerte G.A.K., auf der anderen Seite die jüdisch-nationale Hakoah.“ Es endet mit einer Überraschung: Am Sportplatz in der Engelgasse werden die Punkte nach einem 1:1 geteilt. Dem Spielbericht ist eine ausführliche politische Erläuterung vorangestellt: „Seit 20 Jahren versucht der G.A.K. das Fußballspiel in jene Kreise hineinzutragen, denen der Mund stets übergeht und die Augen sich verdrehen, wenn sie das Wörtchen `Jud´ vernehmen. Alle Bemühungen blieben umsonst. Der GAK blieb allein auf weiter Flur. Mit Heilgeschrei und Pfuigebrüll wird der Sache des GAK nicht gedient.“ Das Rückspiel im Frühjahr am GAK-Platz (6:0) wurde bereits von einem grölenden Publikum dominiert, das für sich in Anspruch nahm, dass am Fußballplatz jedes Benehmen erlaubt sei.
Vollends zum Skandal sollte die Folgesaison geraten. In der ersten gesamtsteirischen Meisterschaft weigerten sich der Deutsche Sportklub Leoben gegen Hakoah anzutreten, weil der Arierparagraph es ihm untersage. Nach einigem Hin- und Her wurde Leoben aus der Meisterschaft ausgeschlossen. Als der GAK schließlich auf Hakoah traf, schrieb das deutschnational ausgerichtete „Grazer Tagblatt“: „Beide Parteien, Spieler und Zuschauer, waren sehr nervös. Im Zuschauerraume fielen Ohrfeigen.“
Der GAK-Kapitän verweigerte seinem Gegenüber den Handshake, es wurde offen die Ablehnung von Wettkämpfen gegen jüdische Sportler gezeigt, aber zumindest wurden die Spiele bestritten.
Dennoch hatten sich die Spiele der beiden Vereine gerade wegen der gegenseitigen Ablehnung zu Publikumsmagneten entwickelt und von der Brisanz, die ihnen zukam, übertrafen sie sogar das Derby gegen den eigentlichen Stadtrivalen. Im Herbst sorgte der GAK jedoch für einen Skandal anderer Art, als er – trotz Spielverbots durch den sozialdemokratisch dominierten Fußballverband – neben Sturm und Kapfenberg auch die Hakoah zum von ihm veranstalteten Messepokal einlud. Nun tobten links wie rechts ausgerichtete Zeitungsredaktionen. Das deutschnationale „Grazer Tagblatt“ begrüßt zwar die Auflehnung der 4 Vereine gegen den Verband, stellt aber fest: „Wir vertreten nach wie vor die Ansicht, dass der Sport auch ohne jüdische Mitwirkung vollkommen lebensfähig ist.“ Dass der GAK gegen Hakoah außerhalb der Meisterschaft spielt, wird als Verrat an den Grundsätzen des Vereins beklagt: „Es ist nicht mehr üblich, sich daran zu stoßen, dass ein arischer Verein gegen einen jüdischen spielt. […] Wir werden in Hinkunft den Grazer Athletiksportklub in dieselbe Klasse einreihen wie alle anderen Vereine ohne Grundsätze.“ Auch der sozialdemokratische „Arbeiterwille“ greift in der Verurteilung der drei Vereine GAK, Sturm und Hakoah in die unterste Schublade: „Treudeutscher Handschlag. […] Man sollte es nicht für möglich halten: Die Arischesten aller Arier, der Grazer Athletiksportklub, und die jüdischnationale Hakoah verpflichten sich ehrenwörtlich durch Handschlag, gegen den Fußballverband zu Felde zu ziehen. Die Sache muss sich putzig ausgenommen haben, […] insbesondere dann, wenn man als Gegenstück eine Begegnung der beiden Kapitäne am grünen Rasen vor einem friedlichen Wettkampf gewählt hätte. Dort wird nämlich der übliche Händedruck durch eine steife gegenseitige Verbeugung ersetzt.“ An anderer Stelle heißt es „Die geeinigte Dreifaltigkeit ist ausgezogen um den Geldsack zu sichern.“
Im Messepokalbewerb, für den Hakoah sogar die Polen-Reise vorzeitig beendete, besiegten die Blau-weißen prompt den GAK. Was wiederum ein „Herausforderungsspiel“ der beiden vom Verband suspendierten Vereine im November nach sich zog.
Aufgrund des Ausschlusses der drei stärksten Vereine GAK, Sturm und Hakoah wurde die Meisterschaft 1924/25 erst gar nicht begonnen und stattdessen zur Austragung einer Ganzjahresmeisterschaft ab dem Frühjahr 1925 (mit diesen drei Erstklassigen) übergegangen. Diese brachte einen weiteren Paukenschlag: am 17. Mai siegte Hakoah über den GAK in der Körösistraße mit 2:1. Es geht wieder wild zu, Beschimpfungen („Judenbengel“) und Handgreiflichkeiten münden in Freudentänze der Hakoah-Spieler. Die Sieger fahren sogar mit einem Fiaker jubelnd durch die belebten Straßen. Am Ende der Saison steht der GAK punktegleich mit der drittplatzierten Hakoah auf Platz 2. Im Sommer fand ein weiteres „Herausforderungsspiel“ der beiden Vereine zusätzlich zum Meisterschaftsbetrieb statt.
Die sportlichen Begegnungen – auch der anderen Sektionen – führen mit der Zeit zu einer gewissen „Normalisierung“. 1929 konstatiert die Presse, dass dieses Derby eine „zahme Sache“ geworden sei.
Hakoah spielt von 1922/23 – 1934/35 in 13 ausgetragenen Meisterschaften in der höchsten steirischen Liga und erreicht dabei 1923/24, 1925 und 1928 jeweils den 3. Endrang, dazu mehrere 4. Plätze. Der GAK wird von 1926 – 1932/33 ununterbrochen, d.h. 8 Mal in Folge Steirischer Meister.
Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums des GAK wird in der Jubiläumsbroschüre stolz auf die Wimpelgeschenke, die der Klub erhalten habe, hingewiesen: Neben dem Wiener Sportklub und dem Deutschen Sportklub Leoben – beide ebenfalls offen antisemitisch ausgerichtet – überrascht doch die Nennung der beiden anderen Wimpelgeschenke: Hakoah Graz und Hakoah Wien.
Im Juni 1926 war die in Österreich führende Schwimmsektion der Hakoah Wien bei einem von Hakoah Graz organisierten Schwimmeeting der Gegner des führenden steirischen Schwimmvereins GAK, im Juli kam es zur ersten Begegnung der Fußballmannschaften von GAK und Hakoah Wien mit der der GAK in sein 25. Bestandsjahr startete. Der Hakoah hingegen wurde 1933 der Pachtvertrag nicht verlängert und dem Platzverlust – künftig spielte der Klub am ursprünglichen Sportklubplatz in Liebenau – folgte auch ein sportlicher Abstieg 1935.
Nach dem Abstieg aus der höchsten Liga in der zweithöchsten Klasse zunächst souverän reüssierend, wurde die Hakoah Graz 1938 mit dem Anschluss ans nationalsozialistische Deutsche Reich wie alle jüdischen Sportvereine aufgelöst. Im Gegensatz zu ihrem Wiener Mutterverein konnte sie jedoch nach Kriegsende nicht wieder gegründet werden. Bis heute gibt es in Graz kein Erinnerungszeichen, das an den ehemals zweitgrößten Sportverein der Steiermark erinnert.
Wir als GAK 1902 wollen diesen dunklen Teil unserer Geschichte nicht verleugnen, sondern bemühen uns aktiv um die Aufarbeitung der persönlichen und institutionellen Verstrickungen des Vereins in Bekämpfung und Vernichtung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und werden dabei von Wissenschaftlern des Centrums für jüdische Studien der Uni Graz unterstützt.
Meisterschaft (aus Sicht des GAK): 26 Spiele, 22 Siege, 3 Unentschieden, 1 Niederlage, 98:29 Tore
Herbstmessepokal 1924 – 1 Niederlage 1:2
Kaiserhofpokal 1927 – 1 Sieg 4:0
Brücklmaierpokal 1929 – 1 Niederlage 2:3
Cup Steiermark 1935 – 1 Sieg 4:0 im Halbfinale
Im September 1929 machte sich der Steirische Serienmeister auf eine Tournee an die Ostsee auf. Das Grazer Tagblatt berichtete am 16.9.: „Der GAK spielte Samstag und Sonntag in Riga und konnte beide Spiele siegreich beschließen. Am ersten Tage wurde Hakoah 6:1 (3:0) bezwungen, am zweiten der S.C. Wanderer [Riga Wanderers] mit 1:0. […] Das Ergebnis der Auslandsreise sind 5 Siege, 3 Unentschieden und nur eine Niederlage.“
Österreich war ab den 20er-Jahren mit dem lettischen Fußball lose verbunden. Ehemalige Aktive der Wiener Liga waren am Aufbau des lettischen Fußballbetriebs rege beteiligt und somit wurde in der heimischen Presse auch immer wieder vom Fußball aus dem Baltikum berichtet. Vor allem für kleinere Wiener Vereine (Libertas, FAC) war das Land ein interessantes Tourneeziel. Durch die Kontakte kamen auch lettische Spieler nach Wien. Bei jedem Besuch Rigas stand für die Gastmannschaft auch ein Spiel gegen die dortige Hakoah auf dem Programm, die offenbar gute Kontakte zu ihrem Wiener Mutterverein hatte. Hakoah Riga spielte zumindest von 1933 – 1936 und von 1937/38 – 1939/40 in der höchsten lettischen Liga und stellte auch Nationalteamspieler.
Abschließend seien zwei aktuell in Graz laufende Ausstellungen nachdrücklich empfohlen:
Das Graz Museum zeigt die Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde von Graz, wo selbstverständlich auch das Vereinswesen und somit Hakoah Graz vorgestellt wird. Die Ausstellung ist interaktiv und besticht durch ästhetisch gelungene, mitunter beklemmende Gestaltung.
Die Ausstellung „Warum?“ des Museums für Geschichte des Joanneums wendet sich in erster Linie an ein junges Publikum und lädt dazu ein, selbst auf die Suche nach der Antwort auf die Frage nach der Faszination des Nationalsozialismus zu gehen. Sie ist aber auch für Erwachsene empfehlenswert, da keine fertigen Antworten präsentiert werden, sondern die Besucher und Besucherinnen je nach Interesse schriftliche Quellen, Biographien und reiches Bildmaterial studieren können.