Ida Maly war Schwimmsportlerin beim GAK, arbeitete später als freischaffende Künstlerin, unter anderem in München. 1941 wurde sie im Rahmen des „Euthanasie“-Programms in der NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Linz ermordet.
Zentrales Motiv der Malerin und Graphikerin Ida Maly ist der Mensch. Von Selbstbildnissen über Portraits von Familienmitgliedern und Aktstudien zieht sich der menschliche Körper wie ein roter Faden durch das Werk der Künstlerin. In ihrer Jugend war sie aber auch als Sportlerin beim GAK und später in Wien aktiv – nämlich als Schwimmerin und Wasserspringerin. Und damit auf diesem Gebiet eine Pionierin. Ihr schicksalhaftes Leben sollte durch die Gräuel der Nazi-Diktatur sein Ende finden ...
Ida Sofia Franziska Maly wurde am 22. Oktober 1894 als dritte Tochter des k. k. Obereichmeisters Franz Maly (1850 – 1920) und seiner Frau Sophie (1859 – 1946) geboren. Die ältere Schwester Paula (1891 – 1974) wird ebenfalls Malerin. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Graz-Geidorf (Körösistraße 116 – das Gebäude existiert heute nicht mehr, es befindet sich dort ein Neubau, Anm.). Neben einer familiären Aufgeschlossenheit für die künstlerische Entwicklung scheint es auch ein Interesse für sportliche Betätigung gegeben zu haben. Vermutlich hat der Vater dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Die Sportanlagen des GAK bzw. die Militärschwimmschule (Körösistraße 9 – damalige Trainingsstätte der GAK-Schwimmer) lagen in unmittelbarer Nähe. Nach der Matura im Mädchenlyzeum in der Sackstraße, das sie von 1905 bis 1911 besuchte, erfolgte – gemeinsam mit ihrer Schwester Paula – der Besuch der Grazer Landeskunstschule bzw. Staatsgewerbeschule. Während die Beziehung zu Paula teilweise sehr eng war, ist über ihr Verhältnis zur zweiten Schwester Olga (1889 – 1976) nichts bekannt.
Die neue Schwimmsektion der Athletiker, am 7. November 1907 gegründet, erfuhr durch den Wiener Meisterspringer Robert Köllner als Sektionsleiter ab 1911 eine erste Blüte. Ein genaues Eintrittsdatum von Ida Maly konnte bisher nicht eruiert werden, 1912 taucht ihr Name (auch die Schreibweise Mally existiert) jedenfalls zum ersten Mal in Zusammenhang mit einer Schwimmsportveranstaltung des GAK auf, nämlich beim internationalen Meeting in der Militärschwimmschule. Unter anderem das Grazer Volksblatt berichtet in seiner Ausgabe vom 21. August von Maly als einer der drei Startenden beim Damenkürspringen. Sie zog aber wohl im letzten Moment ihre Teilnahme zurück. Die zweite gemeldete GAK-Athletin, Beate Zack (Zsak), wurde mit Abstand Zweitplatzierte. Zack gehört ab spätestens 1907 auch zu den ersten Wintersportlerinnen des Klubs.
Einige Tage später gewinnt Maly bei einem Schwimmfest in Frohnleiten das „Damenschwimmen über 36 Meter“ und leistete beim „Kürspringen Prächtiges“. Das abschließende Tellertauchen, das bei fast keinem Schwimmfest in jener Zeit fehlen durfte, entscheidet die GAK-Athletin vor der männlichen Turnerkonkurrenz ebenfalls für sich. Auch bei einer ähnlichen Veranstaltung in Leoben ist ihre Teilnahme in diesem Jahr dokumentiert. 1913 startet Ida Maly zunächst wieder bei einem klubinternen Meeting und später beim internationalen GAK-Meeting in der Militärschwimmschule.
1914 gab es offenbar durch den Besuch der k.k. Kunstgewerbeschule in Wien (wieder gemeinsam mit ihrer älteren Schwester), den sie allerdings ziemlich abrupt beendet haben muss und in der Folge auch nie einen Abschluss erwarb, keinen dokumentierten sportlichen Auftritt für den GAK. 1915 folgt aber dann mit dem 3. Platz bei den österreichischen Meisterschaften über 100 m Freistil ihr größter sportlicher Erfolg. Vom Herbst 1916 bis zum Frühjahr 1917 verzeichnet ihr Lebenslauf eine Arbeitsstelle in einer Fabrik in St. Pölten, wo sie von 1915 bis Ende 1918 auch wohnte. Im September 1916 meldet das Grazer Volksblatt, dass die „bekannte Grazer Schwimmerin Frl. Ida Maly für die 'Donauwacht' genannt“hat (und damit beim GAK ausgetreten ist). Vermutlich war sie schon bereits früher für den Wiener Klub aktiv, was unter anderem die Allgemeine Sport-Zeitung belegt, u. a. mit der Teilnahme bei den österreichischen Meisterschaften 1916. Dort trifft sie auch wieder einige ehemalige Klubkameraden, besonders auf ihren Grazer Mentor Robert Köllner (der unter dem Pseudonym Franz Kraus antritt), der sie aber offenbar auch immer noch in Wien trainiert, wie dieses Briefzitat vom 5. November 1916 (an ihre Schwester Paula) beweist: „Donnerstag habe ich Auerbach [gehört zu den Sprunggruppen im Wasserspringen: Absprung vorwärts, Drehung rückwärts, Anm.] geübt bin ganz blutunterlaufen am Rücken und Popo. Dann Turmsprünge 7 m tadellos. R. Köllner trainiert mit mir, er springt wundervoll.“ Im Wasserspringen gilt sie als eine der Vorreiterinnen für das Springen aus größeren Höhen (damals 7 Meter).
Für den steirischen Schwimmsport war sie – weit vor Beginn der „Bürgerlichen Sportbewegung“ in der Zwischenkriegszeit – eine Pionierin. Gleichwohl beim GAK bereits 1903 die ersten Frauen sportlich aktiv waren, gab es zu Beginn in der Schwimmsektion vielleicht eine gute Handvoll weibliche Mitglieder, wozu Ida Maly gehörte. Möglicherweise hat ihr Umfeld diesen emanzipatorischen Schritt erleichtert. Quasi in ihrem Fahrwasser kamen dann weitere Frauen zum Schwimmsport beim GAK, besonders zu erwähnen die Wasserspringerin Ludovica Sölkner, 1924 die erste steirische Olympionikin. Das war vor allem auch das Verdienst von Robert Köllner, der 1911 aus beruflichen Gründen von Wien nach Graz übersiedelte.
Ida Maly dürfte zudem auch Leichtathletik betrieben haben, wobei dies aller Wahrscheinlichkeit nach nicht beim GAK gewesen sein dürfte. Abgesehen von fehlenden Belegen dazu, wird der Sport für Frauen im Klub erst ab 1920 sektionsmäßig betrieben. Vermutlich war sie auch Mitglied in einem der Grazer Turnvereine. Bisher gibt es dazu aber keine Bestätigung. In der Schule nahm Maly auf jeden Fall in allen Klassen am freiwilligen Turnunterricht teil. Ihre Jahreszeugnisse zeigen auch, dass ihre Vorlieben relativ eindeutig bei künstlerischer und sportlicher Betätigung lagen ...
Der nächste große Schritt in ihrem Leben ist die Übersiedelung nach München im Herbst 1918 – und damit die endgültige Entscheidung, sich wieder ganz der Kunst widmen zu wollen. Dort wohnt sie bei einer Jugend- und Schulfreundin aus Graz, nämlich der gleichaltrigen Schauspielerin Martha Newes (1894 – 1984), und war in Kontakt mit deren älterer Schwester Tilly (1886 – 1970), der Witwe Frank Wedekinds. Auch mit ihrer Schwester Paula verbringt sie Zeit in der bayrischen Hauptstadt. Am 8. Jänner 1921 folgt die Geburt der unehelichen Tochter Elga (1921 – 1989), die später auch eine bekannte Malerin wird.
Zunächst versucht Maly sich und das Kind alleine durchzubringen, scheitert aber an den Lebensbedingungen. Aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage – sie kann sich nur mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten – übergibt sie 1923 Elga an Pflegeeltern in Graz. Diese adoptierten das Mädchen später. Vom leiblichen Vater, dem Industriellensohn Ludwig Meyer, ist nicht viel bekannt. Heiraten wollte sie ihn nicht. Dann folgen Aufenthalte in Berlin und Dresden. Die in der Zeit entstandenen Porträts haben eine stilistische Nähe zur Neuen Sachlichkeit. 1925 schließt sich ein mehrmonatiger Aufenthalt in Paris (durch ein Stipendium finanziert) mit zahlreichen Aktstudien an und im Oktober die Rückkehr als „Kunststudierende“ nach Wien. Dort lebt sie aber mehr recht als schlecht von Malaufträgen. In diesem Jahr kehrt Paula zurück nach Graz und wohnt fortan in der Villefortgasse 7. Sie wird später NSDAP-Mitglied und lehrt bis 1945 an der hiesigen Frauenberufsschule dekorative Gestaltung.
So wie im Märchen es begann – – –
Einst in der schönen Sommerszeit
Erfasst mich tiefes Seelenleid,
Bis an das Herz hinan.
Die Arbeit brachte mir wohl Brot,
Doch war das Künstlerherz in Not.
Zwei Preise wurden mir verliehn,
Doch ich in meinem Ungestüm
Macht mir nicht allzu große Mühe,
So daß die Bilder nicht gediehn.
Da nahm ich’s Ränzle und den Hut –
Und plötzlich wurde alles gut.
Die Liebe wollte mich betörn –
Doch wurde draus ein Wunderbild
Das wurde mir zum Siegesschild.
Jetzt will ich ganz der Kunst gehörn.
Gedicht auf der Rückseite der Zeichnung „Der Sieg“, Wien, 26. Mai 1927
Neue Galerie am Universalmuseum Joanneum, Graz
Da sich die finanzielle, aber auch psychische Situation immer mehr verschlechtert, kehrt Ida Maly schließlich im Frühjahr 1928 zu ihrer Schwester nach Graz zurück. Am 1. August wird sie wegen „aggressiven Verhaltens“ in die „Landes Heil- und Pflegeanstalt Am Feldhof“ in Graz mit der Diagnose „Schizophrenie“ eingeliefert. Dort waren vor allem Ernst Sorger und Oskar Begusch die verantwortlichen Ärzte. Für eine zwischenzeitliche Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ in Wien gibt es bisher keine Belege. Aufgrund der fehlenden ärztlichen Unterlagen kann aus heutiger Sicht eine Beurteilung dieser Diagnose nicht mehr erfolgen, möglicherweise lag die Ursache in der für sie traumatischen Situation, das eigene Kind weggeben zu müssen. Kritik und Verurteilung am Euthanasie-Programm gab es nur sehr verhalten.
Dort entsteht ihr Spätwerk, das in Abkehr der vorherigen Stilistik (Neue Sachlichkeit, Art Déco) auch mit Texten verbunden ist, die eine Art Codesystem darstellen. Sie beschwert sich damit über die schlechte Behandlung von AnstaltspatientInnen. Dieses formal und inhaltlich einzigartiges Werk, das nicht nur als Statement zu ihrer eigenen Situation zu lesen ist, sondern auch – als „zeichnende Anstaltschronistin“ – die politischen Verhältnisse (Ständestaat, NS-Diktatur) widerspiegelt. Nach 1935 sind allerdings keine Bilder mehr überliefert, weil sie wahrscheinlich vernichtet wurden. In der Anstalt wurde sie des Öfteren von Martha Newes besucht, Besuche seitens der Familie sind nicht bekannt.
Neben rassenhygienischen Vorstellungen der „Eugenik“ sind auch kriegswirtschaftliche Erwägungen während des Zweiten Weltkriegs zur Begründung des in der NS-Diktion „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ herangezogen worden. Dazu gehören auch Humanexperimente. Bis zum Kriegsende 1945 fielen den Krankenmorden („Euthanasie“) über 200.000 Menschen zum Opfer.
Nach dem so genannten „Anschluss“ an NS-Deutschland wurde Ida Maly im Februar 1941 im Rahmen der „Aktion T4“ in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz abtransportiert. 1940 und 1941 wurden mehr als 70.000 Personen mit körperlichen, geistigen und seelischen Einschränkungen systematisch ermordet, in Hartheim bis 1944 insgesamt 30.000 Menschen, darunter auch arbeitsunfähige Häftlinge aus den Konzentrationslagern Mauthausen, Gusen, Ravensbrück und Dachau sowie ZwangsarbeiterInnen.
Mit einem Schreiben vom 11. Februar 1941 wird Sophie Maly mitgeteilt, dass „Ihre Tochter Ida Maly auf Grund ministerieller Anordnung […] in unsere Anstalt verlegt wurde und hier gut angekommen ist“. Ein Besuch sei allerdings nicht möglich und von weiteren Nachfragen Abstand zu nehmen, weil Veränderungen des Geistes- oder Gesundheitszustandes „alsbald“ mitgeteilt würden. In Wirklichkeit wurde Ida Maly, vermutlich direkt am Tag ihrer Ankunft, vergast und ihr Leichnam danach sofort verbrannt (offiziell meist aus Gründen der „Seuchengefahr“). Neben einer erfundenen Krankengeschichte und einer gefälschten Todesurkunde (im Falle Malys ein Totenschein vom 20. Februar 1941 mit Angabe der Todesursache „Lungenentzündung“) erhielten die Angehörigen überwiegend auch eine Urne, die nicht mit der Asche der getöteten Person identisch war. Am 22. März fand dann nach neuesten Erkenntnissen am St.-Leonhard-Friedhof die Bestattung im Rahmen eines katholischen Begräbnisses statt. Das Grab der Familie Maly wurde 1994 aufgelassen – der Grabstein wurde erst kürzlich im Rahmen einer Forschungsarbeit gefunden und restauriert.
Ida Malys Werke, mit ihrer eigenen Bildsprache der Malerei der Moderne, gerieten in Vergessenheit, was sich – nach ersten Versuchen der Wiederentdeckungen in den 1990ern – durch eine Ausstellung in der Neuen Galerie, in deren Bestand sich die meisten Bilder und Dokumente befinden, im Jahre 2005 änderte. Zum 80. Todestag 2021 widmete ihr das Linzer Kunstmuseum Lentos eine Ausstellung. Am Haus Villefortgasse 7 erinnert eine Tafel an die Künstlerin und ehemalige GAK-Sportlerin.
Paula Maly beteiligte sich nach 1945 an einigen Ausstellungen (u. a. bei der Olympiaausstellung 1948 in London). Aus Anlass ihres 70. Geburtstages wurde Werke von ihr in der Neuen Galerie in Graz präsentiert. Ida Malys Tochter Elga kam erst sehr spät zur Malerei. Sie war in den 1950er-Jahren Mitglied der „Jungen Gruppe“ um Günter Waldorf, einem der Mitbegründer des „Forum Stadtpark“ und einem passionierten Boxer (mehrfacher steirischer Meister, 1952 öst. Vizemeister), mit dem sie später verheiratet war. Von 1969 bis 1981 arbeitete Elga Maly als Kunsterzieherin an der Bundesbildungsanstalt für Arbeitslehrerinnen in Graz. Der Nachlass von Ida Maly befindet sich heute in der Neuen Galerie. Einzelne Werke und Dokumente befinden sich in anderen Museen und in Privatbesitz, unter anderem bei Waldorfs Witwe Ulrike.
Schloss Hartheim ist heute ein Lern- und Gedenkort: https://www.schloss-hartheim.at/
#WEREMEMBER
Wolfgang Gruber
Fotos: © Archiv Ulrike Waldorf, Archiv Anna Lehninger, Kleine Zeitung/Stefan Pajman, Dokumentationsstelle Hartheim/Foto: Karl Schuhmann
Titelbild: Die Familie Maly, mit den Schwestern Olga, Ida und Paula, vor dem Haus Körösistraße 116 © Archiv Ulrike Waldorf
Anrissfoto: Selbstbildnis von Ida Maly aus dem Jahr 1917 (gemeinfrei)
Quellen: ANNO/ÖNB, https://www.univie.ac.at/biografiA/daten/text/bio/Maly_Ida-Sofia-Franziska.htm, www.margerl.at/frauen-orte/11_ida_sofia_paula_und_elga_maly, https://www.schloss-hartheim.at/ https://www.lentos.at/museum/presse/pressekit-ida-maly-zwischen-den-stilen, https://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/20257898/gedenken-fuer-neun-ns-opfer-in-graz-st-leonhard
Herzlichen Dank an Herrn Mag. Peter Eigelsberger von der Dokumentationsstelle Hartheim und Herrn Mag. Klaus Augustin vom BG Seebacher für die Hilfe sowie Dr. Anna Lehninger, Biographin Ida Malys, für den interessanten Austausch und die freundliche Unterstützung! Dankeschön auch an Dr. Karin Haas-Trummer für die Informationen bezüglich des Grabes und der Beisetzung von Ida Maly am St. Leonhardfriedhof in Graz (siehe: „Gedenken an neun NS-Opfer in Graz-St. Leonhard“, Kleine Zeitung vom 31.10.2025, online-Ausgabe) sowie an Mag. Monika Schachner von der Kleine Zeitung für das Foto vom Grabstein der Familie Maly. Dank gilt auch Ulrike Waldorf für die freundliche Genehmigung zur Nutzung eines Fotos aus dem Nachlass der Familie. Maly.
Unsere bisherigen Texte zu diesem Themenkreis:
Fußball im GAK in der NS-Zeit: https://www.grazerak.at/aktuelles/fussball-im-gak-in-der-zeit-des-nationalsozialismus
„Gut, dass du da bist“: https://www.grazerak.at/aktuelles/gut-dass-du-da-bist
Holocaust-Gedenktag 2022: https://www.grazerak.at/aktuelles/we-remember-holocaust-gedenktag-2022
Holocaust-Gedenktag 2023: https://www.grazerak.at/aktuelles/weremember
Holocaust-Gedenktag 2024: https://www.grazerak.at/aktuelles/geschichte-einig-spiel-fuehrt-zum-sieg
Holocaust-Gedenktag 2025: https://www.grazerak.at/aktuelles/geschichte-dfc-we-remember